Historische Kurzgeschichte USA

Harry Goulding und die Navajo gegen Hunger und Not

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15 Aug 2026

Harry und Leone „Mike“ Goulding gründeten Mitte der 1920er Jahre eine Handelsstation am Monument Valley. Als 1938 Dürre und Weltwirtschaftskrise die Navajo in existenzbedrohende Not brachten, reiste Harry Goulding mit den letzten 60 Dollar und Fotos von Josef Muench nach Los Angeles. Er überzeugte Regisseur John Ford, den Western-Klassiker Stagecoach (Ringo) im Tal zu drehen. Die Filmproduktion rettete die Region wirtschaftlich und schuf Arbeitsplätze. Die originale Goulding’s Trading Post ist heute ein Museum und Teil eines von der Navajo Nation geführten Resorts.

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Die Kutsche neigte sich bedrohlich zur Seite. Lyra zwang ihre zitternden Hände zur Ruhe, griff nach den Zügeln und redete beruhigend auf die nervösen Tiere ein, während Callor vom Bock sprang. Seine schweren Lederstiefel wirbelten den roten Staub auf, als er sich mit aller Kraft gegen die hölzernen Speichen des Rades stemmte. Einer der Navajo-Männer verengte die Augen und fixierte jede Muskelanspannung des weißen Mannes.

Die Sekunden dehnten sich quälend. Lyras Welt schrumpfte auf das gefährliche Knarren des Holzes, den Geruch von heißem Pferdeschweiß und Callors schweres Atmen. Mit einem lauten Ruck kam das Rad endlich frei. Callor stand keuchend im Sand, den Blick respektvoll gesenkt. Erst in diesem Moment trat die Navajo-Frau einen einzigen Schritt beiseite. Ihr Blick traf für einen Herzschlag den von Lyra. Es war kein Lächeln, aber es war das erste, hauchdünne Band aus Vertrauen. Sie gaben den Weg frei.

Siebzehn Jahre lang wurde dieses Valley ihr Zuhause. Ein Ort, an dem sie lernten, dass Vertrauen hier nicht in Verträgen festgehalten, sondern in mühsamen Verhandlungen über sichere Routen gewebt, mit Mehl und Zucker aufgewogen und gegen die kunstvollen, bunten Wolldecken der Navajo getauscht wurde. Jedes Wort, das Lyra mit ihnen sprach, besaß das Gewicht von Gold. Ein einziger unbedachter Schritt hätte dieses zerbrechliche Gleichgewicht für immer zerstören können.

Bis die Händler ausblieben. Als infolge der Weltwirtschaftskrise die Vorräte im Lager zur Neige gingen und die Stille im Valley eine bedrohliche, kühle Schärfe annahm, sah Lyra es in den Augen der Navajo: Sie beobachteten ihren gemeinsamen Hunger, unbewegt wie die Felsen selbst. Eine gnadenlose Dürre im Jahr 1938 vernichtete das Vieh, die Wolle fand in den Städten keine Käufer mehr, und die Regale der Trading Post blieben leer. Nun drohte der finale Schlag.

„Wenn wir nichts tun, überlebt hier draußen niemand mehr den Winter, Lyra“, hatte Calllor beschworen, während er die leere Öllampe putzte. Ihre eigenen Vorräte waren erschöpft, die Handelsstation stand vor dem Bankrott, und das gesamte Tal hungerte. Er strich über eine abgewetzte Ledermappe, die auf dem Tisch lag. Sie war gefüllt mit den überwältigenden Landschaftsfotografien ihres Freundes Josef Muench. „Ich nehme den Wagen und fahre nach Los Angeles“, sagte er stumpf. „Wenn dieser Regisseur John Ford wirklich einen großen Film im Südwesten drehen will, wird er nirgendwo einen besseren Ort finden als diesen.“

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Lyra sah aus dem Augenwinkel, wie zwei der jüngeren Männer blitzartig nach den Jagdmessern an ihren Gürteln griffen. Die Luft schien einzufrieren. Wenn hier und jetzt Blut floss, war alles verloren. Die mühsam abgewendete Not, das Vertrauen von siebzehn Jahren, ihr Zuhause, der Frieden im Tal.

Lyra überlegte nicht. Der tiefe Sand bremste ihre Schritte, ihre Lungen brannten unter der Anstrengung, doch die nackte Panik trieb sie voran. Genau in dem Moment, als der Kameramann das Stativ direkt am Felsrand aufstellen wollte, warf sie sich mit ihrem gesamten Körpergewicht zwischen den Mann und das Gestein.

Mit voller Wucht prallte ihre Schulter gegen seine Brust. Der Mann verlor das Gleichgewicht, die schwere Kamera entglitt seinen Fingern und landete mit einem metallischen Scheppern im roten Staub.

„Sind Sie verrückt geworden?!“, brüllte der Kameramann und starrte Lyra fassungslos aus wütenden Augen an.

„Zurück“, keuchte Lyra. Sie stellte sich breitbeinig vor die Felsspalte, die Arme schützend ausgebreitet. Sie blickte nicht den Amerikaner an, sondern fixierte den älteren Navajo. Ihr Herz raste, die Knie zitterten ihr vor Erschöpfung. Sie drehte ihre Handflächen nach oben, schutzlos, und senkte langsam und demütig den Kopf vor ihm. Sie bot sich selbst als Schild an. Sie zeigte den Navajo, dass sie bereit war, die Respektlosigkeit ihrer eigenen Leute mit ihrem eigenen Körper aufzuhalten.

Die Sekunden dehnten sich quälend lang. Selbst der Wind schien zu schweigen.

Dann, unendlich langsam, entspannten sich die Schultern des älteren Mannes. Er senkte die Hand. Die Griffe der Messer wurden losgelassen. Der Kameramann, der endlich begriffen zu haben schien, an welchem Abgrund er gerade gestanden hatte, wich bleich und wortlos zurück, um seine Ausrüstung vom Boden aufzulesen.

Die Stille zwischen den Buttes war nicht leer. Sie erzählte von schmerzhaften Entscheidungen, von absolutem Respekt - und vom nackten Überleben. Und tief im Herzen dieser roten Erde war die Geschichte des Valleys noch immer lebendig. Still, gegenwärtig und unbezwingbar.

Wer heute der asphaltierten Straße des Highways 163 folgt, die Klimaanlage des Mietwagens summen hört und für ein schnelles Foto am Klippenrand anhält, blickt auf dieselben ewigen Monolithen. Doch der rote Sand, der sich leise an die Reifen haftet, flüstert noch immer von jenen Sekunden, in denen das Überleben dieses Tals auf Messers Schneide stand.

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