Historische Kurzgeschichte USA
Harry Goulding und die Navajo gegen Hunger und Not
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Das Holz der Sitzbank schlug Lyra mit brutaler Wucht in die Wirbelsäule, als Callor die Zügel des Planwagens ohne jede Vorwarnung riss. Die eisenbeschlagenen Räder gruben sich knirschend in den tiefen Sand, das Ledergeschirr spannte sich ächzend, und eine dichte Staubwolke wirbelte an den Flanken der scheuenden Zugpferde vorbei. Lyras Hand schoss nach vorn, die Finger krallten sich in den eisernen Haltegriff, während das Blut in ihren Schläfen hämmerte. Mitten auf dem unbefestigten Pfad stand eine Gestalt, die wie aus dem roten Stein gewachsen schien.
Es war eine Navajo-Frau. Sie trug einen schweren, handgewebten Wollrock und hielt die Arme schlicht vor dem Körper verschränkt. Sie war allein und unbewaffnet, doch ihre absolute Reglosigkeit blieb inmitten der endlosen Weite eine unübersehbare, fast majestätische Autorität.
Lyra hielt unwillkürlich den Atem an. Der erdige, metallisch-bittere Geschmack des aufgewirbelten Wüstenstaubs brannte auf ihren Lippen. Weiterzufahren wäre in dieser unbarmherzigen Hitze einer Kriegserklärung gleichgekommen. Anzuhalten und zu flehen hätte sie als schwache Eindringlinge gebrandmarkt. An ihrer Seite bewies Callor Fingerspitzengefühl. Er hielt die Zügel nun locker, gerade genug, um den Pferden den Druck vom Gebiss zu nehmen und sie zu beruhigen - aber ohne die Hände unterwürfig zu heben. Sie hielten die Waage zwischen Respekt und Stolz.
Während die Frau unbeweglich den Weg versperrte, lösten sich im Hintergrund weitere Schatten von den gigantischen, dreihundert Meter hohen Sandsteinmonolithen des Valleys. Drei Navajo-Männer traten langsam in das gleißende Mittagslicht. Ihre Gesichter wirkten so unbewegt wie das zerklüftete Sedimentgestein hinter ihnen. Lyra spürte, wie ihr Herz heftig gegen die Rippen schlug. In diesem Moment wurden sie nicht nur gemustert; sie wurden seziert. Jedes Detail ihrer Kleidung, jede Nuance in Callors Haltung entschied über ihr Bleiben oder Verlassen.
Callor hob langsam die rechte Hand, ein vorsichtiges, stummes Zeichen des Friedens. Als seine raue Stimme die heiße, trockene Luft durchschnitt und nach einer Wasserstelle fragte, antwortete ihm nur das dumpfe Heulen des Windes, der feine Sandkörner gegen die Holzverkleidung der Kutsche peitschte.
Dann erstarrte Lyra vor Schreck. Als Callor die Pferde sachte wieder anrollen lassen wollte, sackte das linke Hinterrad mit einem mahlenden Geräusch tief in eine verborgene Sandwehe. Die Pferde wieherten schrill, das Ledergeschirr spannte sich gefährlich.
Die Kutsche neigte sich bedrohlich zur Seite. Lyra zwang ihre zitternden Hände zur Ruhe, griff nach den Zügeln und redete beruhigend auf die nervösen Tiere ein, während Callor vom Bock sprang. Seine schweren Lederstiefel wirbelten den roten Staub auf, als er sich mit aller Kraft gegen die hölzernen Speichen des Rades stemmte. Einer der Navajo-Männer verengte die Augen und fixierte jede Muskelanspannung des weißen Mannes.
Die Sekunden dehnten sich quälend. Lyras Welt schrumpfte auf das gefährliche Knarren des Holzes, den Geruch von heißem Pferdeschweiß und Callors schweres Atmen. Mit einem lauten Ruck kam das Rad endlich frei. Callor stand keuchend im Sand, den Blick respektvoll gesenkt. Erst in diesem Moment trat die Navajo-Frau einen einzigen Schritt beiseite. Ihr Blick traf für einen Herzschlag den von Lyra. Es war kein Lächeln, aber es war das erste, hauchdünne Band aus Vertrauen. Sie gaben den Weg frei.
Siebzehn Jahre lang wurde dieses Valley ihr Zuhause. Ein Ort, an dem sie lernten, dass Vertrauen hier nicht in Verträgen festgehalten, sondern in mühsamen Verhandlungen über sichere Routen gewebt, mit Mehl und Zucker aufgewogen und gegen die kunstvollen, bunten Wolldecken der Navajo getauscht wurde. Jedes Wort, das Lyra mit ihnen sprach, besaß das Gewicht von Gold. Ein einziger unbedachter Schritt hätte dieses zerbrechliche Gleichgewicht für immer zerstören können.
Bis die Händler ausblieben. Als infolge der Weltwirtschaftskrise die Vorräte im Lager zur Neige gingen und die Stille im Valley eine bedrohliche, kühle Schärfe annahm, sah Lyra es in den Augen der Navajo: Sie beobachteten ihren gemeinsamen Hunger, unbewegt wie die Felsen selbst. Eine gnadenlose Dürre im Jahr 1938 vernichtete das Vieh, die Wolle fand in den Städten keine Käufer mehr, und die Regale der Trading Post blieben leer. Nun drohte der finale Schlag.
„Wenn wir nichts tun, überlebt hier draußen niemand mehr den Winter, Lyra“, hatte Calllor beschworen, während er die leere Öllampe putzte. Ihre eigenen Vorräte waren erschöpft, die Handelsstation stand vor dem Bankrott, und das gesamte Tal hungerte. Er strich über eine abgewetzte Ledermappe, die auf dem Tisch lag. Sie war gefüllt mit den überwältigenden Landschaftsfotografien ihres Freundes Josef Muench. „Ich nehme den Wagen und fahre nach Los Angeles“, sagte er stumpf. „Wenn dieser Regisseur John Ford wirklich einen großen Film im Südwesten drehen will, wird er nirgendwo einen besseren Ort finden als diesen.“
Wochen später war Hollywood im Valley eingefallen. Für Lyra fühlte es sich an wie der Einbruch einer völlig fremden Welt.
Sie stand am Rand der staubigen Ebene und presste die Handflächen gegen ihre brennenden Schläfen. Schwere Produktionswagen hatten tiefe, hässliche Furchen in den trockenen Boden gerissen. Weiße Zelte der Crew wuchsen wie Geschwüre zwischen den uralten Felsen, und die Luft schmeckte nach dem scharfen Abgasruß der mobilen Generatoren, die den Strom für die Filmausrüstung lieferten. Die Navajo arbeiteten als Statisten und Guides, um das dringend benötigte Geld für ihre Familien zu verdienen, doch ihre Mienen blieben distanziert und kühl. Lyra verbrachte die Tage fast ausschließlich damit, zwischen den Kulturen zu vermitteln, heilige Orte zu erklären und die arroganten Studiomitarbeiter zur Rücksichtnahme zu mahnen. Doch die Ignoranz der Stadtmenschen war unerträglich.
Dann kam der Moment, den Lyra den ganzen Tag über befürchtet hatte. Die Sonne stand bereits tief und tauchte die Monolithen in ein blutrotes, fast unheimliches Licht. Ein junger Kameramann, beladen mit einer schweren Studiokamera auf einem hölzernen Stativ, bewegte sich zielstrebig auf eine nahe Felsspalte zu. Lyras Herz setzte für einen Schlag aus. Es war eine alte Grabstätte der Navajo, ein zutiefst geschützter Ort, den sie auf allen Karten der Crew unmissverständlich markiert hatte.
„Stopp!“, schrie Lyra, während sie losrannte. Ihre Stimme überschlug sich in der dünnen Höhenluft. „Nur auf den markierten Wegen bleiben! Keinen Schritt weiter!“
Der Kameramann lachte nur kurz auf, würdigte sie keines Blickes und richtete das schwere Objektiv auf die Felsspalte. Er machte den entscheidenden Schritt nach vorn, direkt auf das Heiligtum zu.
Am Rande des Sets erstarrten die Navajo-Guides augenblicklich. Ein älterer Mann hob die Hand - eine Geste, so absolut und unumstößlich wie ein Urteil.
Lyra sah aus dem Augenwinkel, wie zwei der jüngeren Männer blitzartig nach den Jagdmessern an ihren Gürteln griffen. Die Luft schien einzufrieren. Wenn hier und jetzt Blut floss, war alles verloren. Die mühsam abgewendete Not, das Vertrauen von siebzehn Jahren, ihr Zuhause, der Frieden im Tal.
Lyra überlegte nicht. Der tiefe Sand bremste ihre Schritte, ihre Lungen brannten unter der Anstrengung, doch die nackte Panik trieb sie voran. Genau in dem Moment, als der Kameramann das Stativ direkt am Felsrand aufstellen wollte, warf sie sich mit ihrem gesamten Körpergewicht zwischen den Mann und das Gestein.
Mit voller Wucht prallte ihre Schulter gegen seine Brust. Der Mann verlor das Gleichgewicht, die schwere Kamera entglitt seinen Fingern und landete mit einem metallischen Scheppern im roten Staub.
„Sind Sie verrückt geworden?!“, brüllte der Kameramann und starrte Lyra fassungslos aus wütenden Augen an.
„Zurück“, keuchte Lyra. Sie stellte sich breitbeinig vor die Felsspalte, die Arme schützend ausgebreitet. Sie blickte nicht den Amerikaner an, sondern fixierte den älteren Navajo. Ihr Herz raste, die Knie zitterten ihr vor Erschöpfung. Sie drehte ihre Handflächen nach oben, schutzlos, und senkte langsam und demütig den Kopf vor ihm. Sie bot sich selbst als Schild an. Sie zeigte den Navajo, dass sie bereit war, die Respektlosigkeit ihrer eigenen Leute mit ihrem eigenen Körper aufzuhalten.
Die Sekunden dehnten sich quälend lang. Selbst der Wind schien zu schweigen.
Dann, unendlich langsam, entspannten sich die Schultern des älteren Mannes. Er senkte die Hand. Die Griffe der Messer wurden losgelassen. Der Kameramann, der endlich begriffen zu haben schien, an welchem Abgrund er gerade gestanden hatte, wich bleich und wortlos zurück, um seine Ausrüstung vom Boden aufzulesen.
Spät am Abend saßen Lyra und Callor auf der kleinen, windgeschützten Veranda ihrer Trading Post. Die Rettung vor dem Ruin war teuer erkauft worden, das spürten beide in der tiefen, bleiernen Erschöpfung ihrer Glieder. Schweigend beobachteten sie, wie das tiefe Purpur der Dämmerung die Konturen der Mitten Buttes langsam verschlang.
Lyra blickte auf ihre zitternden Hände, an deren Handflächen noch immer der feine, rote Staub des heiligen Felsens klebte. Die Linien, die sie heute in den Sand gezeichnet hatten, waren tief. Der Wind würde sie irgendwann glätten, aber das Valley würde nicht vergessen.
Die Stille zwischen den Buttes war nicht leer. Sie erzählte von schmerzhaften Entscheidungen, von absolutem Respekt - und vom nackten Überleben. Und tief im Herzen dieser roten Erde war die Geschichte des Valleys noch immer lebendig. Still, gegenwärtig und unbezwingbar.
Wer heute der asphaltierten Straße des Highways 163 folgt, die Klimaanlage des Mietwagens summen hört und für ein schnelles Foto am Klippenrand anhält, blickt auf dieselben ewigen Monolithen. Doch der rote Sand, der sich leise an die Reifen haftet, flüstert noch immer von jenen Sekunden, in denen das Überleben dieses Tals auf Messers Schneide stand.

