Reisekolumne Wanderung Ostallgäu
6-Seen-Wanderung im Ostallgäu vom Weißensee zum Alpsee
Noch bevor die Sonne über die Gipfel des Allgäus stieg, standen wir am Westufer des Weißensees. Ein feiner Nebel lag über dem Wasser, das so unbewegt dalag, dass selbst die kleinste Bewegung sanft darüber zu gleiten schien. Die Luft war kühl und klar, durchzogen vom Duft feuchten Grases und von Erde. Wir zogen die Rucksäcke fest, schnürten die Wanderschuhe und machten uns auf den Weg entlang des Südufers.
Zunächst führte der Pfad über eine taufrische Wiese und bald hinein in den Wald. Zwischen den Stämmen blitzte immer wieder das Wasser auf, ruhig und spiegelglatt. Mit jedem Schritt wurde die Welt stiller, nur das Rascheln der Blätter und das ferne Knacken eines Astes begleiteten uns. Der Weg stieg sanft an, der Boden war weich, und bald lag der Weißensee hinter uns.
Die Salober Straße brachte uns hinauf zum Alatsee, der auf etwa 868 Metern Höhe geheimnisvoll wirkte. Die Wasseroberfläche schimmerte spiegelglatt, das Wasser war kristallklar - und dennoch schien sich in der Tiefe etwas Rätselhaftes zu verbergen. Kein Lüftchen störte die stille Fläche, und für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Unter der Oberfläche trennten sich die Schichten des Sees kaum, und rote Bakterien tauchten die Tiefen in ein fast gespenstisches Licht. Eingebettet zwischen steilen Ufern und abgeschiedenen Hängen entstand der Eindruck einer verborgenen, unberührten Welt.
Auf einer Bank genossen wir die Aussicht, bevor wir dem Faulenbach ins Tal folgten. Sanft führten uns die Wege talwärts über Forstpfade, begleitet vom leisen Plätschern des Wassers. Ober- und Mittersee lagen still in der Mulde, umgeben von Wiesen und Wald.
Im Faulenbacher Tal entdeckten wir eine kleine Kneipp-Wiese am Mittersee, wo wir unsere Füße im kalten Wasser erfrischten - eine willkommene Pause vor dem weiteren Weg. Nach etwa sieben Kilometern erreichten wir die Lechstufen bei Füssen.
Das türkisfarbene Wasser stürzt hier über mehrere Staustufen in die Tiefe, bevor es sich in der Lechschlucht verliert. Wir lehnten uns über das Geländer, spürten die feinen Wassertröpfchen auf der Haut und lauschten dem rauschenden Wasser. Vom Lechfall aus führte uns ein Waldweg mit steilen Treppenabschnitten hinauf zum Kalvarienberg. Der Aufstieg war fordernd, doch oben auf rund 953 Metern eröffnet sich ein weiter Blick über Füssen. Das Hohe Schloss und das Kloster St. Mang hoben sich deutlich ab, die Dächer der Stadt glänzten im warmen Licht der Morgensonne.
Vom Kalvarienberg ging es hinunter zum Schwansee, dessen ruhiges Wasser sich zwischen Schilf und Moorwiesen ausbreitete. Schon von den Westufern aus konnten wir die Königsschlösser in der Ferne erkennen, während das östliche Ufer zum historischen Schlosspark Hohenschwangau gehört. Auf dem Rundweg begegneten uns Spaziergänger, Familien mit Kinderwagen und Radfahrer - die friedliche Lebendigkeit des Ortes mischte sich harmonisch mit der stillen Landschaft.
Ein kurzer Aufstieg führte uns schließlich zum Alpsee auf rund 814 Metern Höhe. Der Rundweg schlängelte sich durch Wald und über kleine Strandabschnitte, an denen das Wasser in intensiven Türkistönen schimmerte. Das glaziale Becken, von den Gletschern der Eiszeit geformt, eröffnet einen überwältigenden Blick: Wasser, Fels und Himmel schienen zu verschmelzen. Träge Wolken zogen über uns hinweg, während Schloss Neuschwanstein und Schloss Hohenschwangau wie stille Wächter über dem Tal wachten.
Für den letzten Abschnitt nahmen wir den Weg vom Alpsee hinauf zum Schloss Neuschwanstein. Zunächst führt der Pfad durch schmale Waldwege, später über Kopfsteinpflaster, stetig bergan. Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick weiter ins Tal.
An der Marienbrücke angekommen, bot sich uns eine fantastische Aussicht: Das Schloss schien in die Felsen hineingewachsen, die steile Pöllatschlucht lag tief unter uns, leider für Wanderer gesperrt. Für trittsichere Bergwanderer sei der Wanderweg zum Tegelberg, der weitere schöne Ausblicke auf Schloss Neuschwanstein bietet, empfohlen.
Als wir am Ende des Tages ins Tal hinabblickten, eröffnete sich uns die ganze Vielfalt des Ostallgäus: stille Seen, sanfte Hügel, Wälder und weite Wiesen, durchzogen von historischen Orten, die wie lebendige Zeitzeugen in die Landschaft eingebettet wirken. Jeder Schritt hatte uns tiefer in die Natur geführt, die uns mit unerwarteten Momenten begeisterte. Immer wieder stießen wir auf Spuren der Vergangenheit - in den Mauern der Schlösser, auf verschlungenen Pfaden und an den Uferbänken der Seen. Diese Wanderung war weit mehr als der bloße Weg von einem Punkt zum nächsten; sie führte uns durch eine Landschaft, die sich ständig wandelt und ihre Geschichten offenbart.
Unser Tipp
Früh starten lohnt sich - dann sind die Wege leer, und das Licht über den Seen ist besonders stimmungsvoll. Für den Rückweg gibt es zwei Möglichkeiten: Wer die Runde vollständig erleben möchte, wandert über Füssen und das Faulenbacher Tal zurück zum Weißensee. Wer es bequemer mag, nimmt den Bus, der mit einem Zwischenstopp in Füssen entspannt zurück zum Ausgangspunkt fährt. Die Wanderung ist in beide Richtungen möglich, auch mit Startpunkt Alpsee.
