Historische Kurzgeschichte USA
Die ersten bewegten Bilder des Grand Canyon
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Fotoabzüge
Fotoabzüge, Wandposter und vieles mehr mit Motiven von den besten Fotospots im Bryce Canyon Nationalpark auf dem Colorado Plateau in Utah im Westen der USA

Bildschirmschoner
Bildschirmschoner in hoher Auflösung; enthält 15 Aufnahmen von den schönsten Fotolocations am Highway 1 an der kalifornischen Pazifikküste im Westen der USA mit Big Sur, Julia Pfeiffer Burns State Park u.v.m.
Cataract Canyon, Utah - Oktober 1911
„Fahr nicht rein.“
Emery hörte seine eigene Stimme kaum. Die eisige Gischt, die vom Eingang der Stromschnelle heraufstieg, legte sich wie ein feuchter Schleier auf seine Wangen. Das ohrenbetäubende Donnern des Wassers fraß jeden anderen Laut.
Ellsworth stand neben ihm auf dem Felsvorsprung und schwieg. Sein älterer Bruder schwieg eigentlich nie. Er war der Mann, der einst mit zwei Dollar in der Tasche Pittsburgh verlassen hatte. Für Ellsworth war dieser ungezähmte Fluss ein großes Abenteuer. Für Emery war er ein Albtraum, den er durchstehen musste.
Vor ihnen lag Rapid 22, die Hölle des Cataract Canyons. Auf einer Länge von einer Dreiviertelmeile stürzte der Colorado River hier fünfundzwanzig Höhenmeter in die Tiefe. Das Wasser brach sich an Felsen, die so groß wie Häuser waren, und schraubte sich durch eine Gasse, die kaum vier Meter breit war. Und das Schlimmste daran: Sie waren noch nicht einmal im Grand Canyon. Sie waren noch Wochen von ihrem Studio am South Rim entfernt. Das hier war nur der mörderische Vorgeschmack in den Schluchten von Utah.
„Der Winkel ist gut“, sagte Ellsworth schließlich. „Wenn man rechts von dem großen Brocken ansetzt.“
„Rechts wartet der Strudel“, unterbrach ihn Emery scharf. „Links schlägt man an die Wand.“
Emery blickte hinab zu ihrem Boot, der Defiance. In den schweren, verlöteten Zinkkisten unter den Ruderbänken lagen acht Wochen Filmmaterial. Das erste Bewegtbild des Colorado Rivers, das je ein Mensch aufgenommen hatte. Ihr einziger Trumpf gegen das übermächtige Hotelimperium der Fred Harvey Company am Grand Canyon, das ihr kleines Fotostudio systematisch in den Ruin trieb. Ohne diesen Film besaßen sie in zwei Jahren nichts mehr.
„Ich fahre“, sagte Emery. Gemeinsam wuchteten sie die schwere Handkurbelkamera auf den Felsvorsprung. Fünfzig Pfund aus Messing und Glas. Ellsworth legte das Rettungsseil neben das Stativ. Jedem von ihnen war klar: Ellsworth konnte die Kurbel der Kamera nicht drehen, wenn er gleichzeitig das Seil halten musste, um seinen Bruder im Notfall aus dem Wasser zu ziehen.
Emery packte seinen Bruder am Hemdkragen. Das Tosen des Wassers dröhnte in seinen Ohren. „Wenn ich kentere, Ellsworth - scheiß auf das Seil! Hör auf keinen Fall auf zu filmen! Verstehst du? Ohne diese Aufnahmen sind wir pleite!“
In Ellsworths Gesicht lag ein Ausdruck, den Emery noch nie gesehen hatte. Keine Angst um sich selbst. Angst um seinen Bruder. Er nickte langsam und legte die Hand an die Kurbel.
Emery stieg in das Boot und stieß sich ab.
Die reißende Strömung griff sofort unter den Rumpf. Emery versuchte nicht, gegen die Natur anzukämpfen, sondern die Bewegungen des Wassers zu lesen. Er hielt die Ruder flach und verlagerte sein gesamtes Körpergewicht tief in den Rumpf des Bootes. Ein tiefes, bedrohliches Grollen lief durch das Holz und pflanzte sich bis in seine Knie fort. Der erste große Felsen kam rasend schnell auf ihn zu, schwarz und nass von der Gischt. Emery warf sich mit aller Kraft in das linke Ruder. Das Boot gehorchte. Die Linie stimmte perfekt. Es funktioniert!
Dann explodierte die rechte Seite des Bootes.
Eine unsichtbare Welle, ein brutaler Rückstoß von der Uferwand, den sie von oben nicht hatten sehen können, und die Defiance stellte sich steil auf. Die Ruder wirbelten nutzlos in der Luft. Emery stürzte nach vorn, schlug sich das Kinn am Holz blutig, während Wassermassen über ihm zusammenschlugen. Das Boot wurde tief in das schäumende Auge des Strudels gezogen.
Das Boot drehte sich rasend schnell im Kreis. Die Ruderblätter schlugen ins Leere. Emery zwang sich, die Arme anzuziehen. Nicht kämpfen. Warten, bis der Fluss dich ausspuckt. Das war die einzige Regel.
Ein ohrenbetäubender Knall. Der Rumpf krachte gegen einen Unterwasserfelsen. Holz splitterte backbord. Das Wasser schoss ihm bis an die Hüften. Doch die Wucht des Aufpralls schleuderte das Boot gleichzeitig vorwärts, flussabwärts, mitten durch die enge Felsgasse. Vier Meter. Drei. Zwei.
Mit einem Schlag lag das tosende Chaos hinter ihm. Das Boot trieb im ruhigen Fahrwasser. Emery sackte auf der Ruderbank zusammen, spuckte Blut und Flusswasser aus und zitterte am ganzen Körper. Er lebte. Und die Zinkkisten? Er tastete nach unten. Sie hielten dicht. Der Film war sicher!
Er blickte mit wildem, triumphierendem Blick nach oben zum Felsvorsprung. Er wollte Ellsworth jubeln sehen. Doch der Jubel erstarb in seiner Kehle. Ellsworth stand am Ufer. In seinen Händen hielt er das Rettungsseil. Die schwere Kamera neben ihm war stumm. Die Kurbel bewegte sich nicht. Ellsworth hatte nicht gefilmt. Er hatte im entscheidenden Moment die Kamera losgelassen, um das Seil zu greifen.
Eine Welle von heißer, fassungsloser Wut schoss durch Emery. Er ruderte das beschädigte Boot mit brutalen Schlägen an den Kiesstrand. Noch bevor das Boot aufsetzte, sprang er ins flache Wasser und ging auf seinen Bruder los. „Du hast aufgehört?“, schrie Emery, und seine Stimme überschlug sich vor Enttäuschung. „Ich habe mein Leben da drin riskiert! Du solltest die Kamera laufen lassen! Wir brauchten diese Szene!“
Ellsworth rührte sich nicht. Er ertrug den Zorn seines jüngeren Bruders schweigend. Er sah nicht auf Emerys Gesicht, sondern nur auf die gesplitterte Planke des Bootes, durch die das Wasser sickerte.
„Die Filmrollen?“, fragte Ellsworth leise. „Trocken!“, herrschte Emery ihn an. „Aber wir haben die Fahrt nicht auf Band! Du hast alles ruiniert!“
Ellsworth ließ das Rettungsseil in den Sand fallen. Er blickte Emery das erste Mal direkt in die Augen. Seine Stimme war ruhig, aber eisern. „Ich kann ein Boot reparieren, Emery. Und ich kann ein neues Studio bauen. Aber ich kann mir keinen neuen Bruder schnitzen.“ Das Wort traf Emery härter als der Fels im Fluss. Die Wut in seiner Brust sackte in sich zusammen und wich einer schweren, erschöpften Stille.
Der Colorado River rauschte hinter ihnen ungerührt weiter - gleichgültig, unermüdlich und völlig unbeeindruckt von dem menschlichen Drama. Ellsworth kniete sich wortlos in den Sand und untersuchte den Schaden. „Siebenundzwanzig Stromschnellen liegen noch vor uns“, sagte er, ohne aufzusehen, „bis wir überhaupt den Grand Canyon erreichen. Das war nur das Aufwärmen.“
Emery strich sich das Blut vom Kinn, sah auf die Klippen vor ihnen und atmete den Geruch von nassem Holz und Schlamm ein. Der eigentliche Canyon wartete noch auf sie. Und er würde noch dunkler und tiefer werden.
„Dann“, sagte Emery leise und kniete sich neben seinen Bruder, „solltest du besser schon mal das Lagerfeuer anzünden.“
Sie erreichten Needles in Kalifornien am 18. Januar 1912 - einundhunderteins Tage nach ihrem Aufbruch. Die Filmrollen, die Emery durch insgesamt dreihundertfünfundsechzig Stromschnellen gerettet hatte, wurden zu genau dem Befreiungsschlag, den die mächtige Fred Harvey Company nicht mit Geld kaufen konnte: eine heldenhafte Geschichte, die ganz allein den Kolb-Brüdern gehörte.
Emery zeigte diesen Film fortan jeden Abend in seinem Studio am South Rim des Grand Canyon. Sechzig Jahre lang. Es wurde der am längsten laufende Film der amerikanischen Geschichte - aufgeführt in einem Studio, das das mächtigste Tourismusimperium des Westens niemals hatte verdrängen können.
Das Kolb Studio steht noch heute unerschütterlich auf dem nackten Fels direkt an der Head of Bright Angel Trail. Wer die Räume betritt, kann Emerys alte Kameras aus nächster Nähe betrachten, die historischen Aufnahmen sehen und durch die großen Fenster auf denselben majestätischen Abgrund blicken, den die Brüder im Jahr 1911 für die Ewigkeit festgehalten haben.



